Deco

Das Unternehmen PFAFF im Zeitgeschehen

Document Actions



Geschickt eingefädelt

1862 konstruierte der Instrumentenmacher Georg Michael Pfaff seine erste Nähmaschine und gründete die Nähmaschinenfabrik G.M. Pfaff in Kaiserslautern. Der als Tüftler bekannte Handwerksmeister entwickelte seine Maschinen ständig weiter und verbesserte auch die Produktionsmethoden in seinem Unternehmen. Bald stellte er von der manuellen Einzelfertigung auf den Einsatz dampfbetriebener Bohr-, Fräs- und Hobelmaschinen um.

Zehn Jahre später produzierte Pfaff mit einer Belegschaft von 30 Mann bereits tausende Maschinen pro Jahr, der Exportanteil lag bei 50%. 1874 richtete Pfaff für seine Mitarbeiter eine betriebliche Krankenunterstützung und ein Sterbegeld für Hinterbliebene verstorbener Arbeiter ein. Jakob Pfaff, der älteste Sohn von Georg Michael Pfaff, begründete die Pfaff-Werbung und die zunächst aus Reisenden und später aus Exklusivagenturen bestehende Verkaufsorganisation. 1885 eröffnete er einen Nähmaschinenladen in London. Ständig wurde das Werk erweitert und modernisiert. In den Jahren 1880 bis 1890 waren regelmäßig 400 Arbeiter beschäftigt.



Der Fadengeber

Georg Pfaff, der zweite Sohn des Gründers, leitete das Unternehmen nach dem Tode des Vaters im Jahr 1893 und baute es mit großem Erfolg weiter aus. Zwischen 1901 und 1906 wurde das Werk an den Stadtrand verlegt. Pfaff begann mit dem Bau von Werkzeugmaschinen für die eigene Nähmaschinenfertigung. 1000 Mitarbeiter produzierten jetzt arbeitsteilig.

Die ersten Spezial-Nähmaschinen und Industriemaschinen wurden 1907/08 gebaut und vermarktet. Ab 1909 begann das Unternehmen mit der Herstellung von Haushalt-, Handwerker- und Gewerbemaschinen mit Elektromotorantrieb. 1910 schenkte Georg Pfaff die millionste Pfaff-Nähmaschine in besonders wertvoller Ausstattung dem Historischen Museum in Speyer.

Im 50sten Jahr des Bestehens exportierte Pfaff bereits in 64 Länder, davon 34 europäische, 22 afrikanische, 7 asiatische Länder und Australien. Der überaus erfolgreiche und weitgereiste Unternehmer Georg Pfaff blieb zeitlebens unverheiratet und starb im Jahr 1917.



Den Faden nicht verloren

In schwieriger Zeit übernahm Lina Pfaff, die Schwester Georg Pfaffs, die Leitung des Unternehmens. Dennoch errichtete sie die Pfaff-Siedlung und das Pfaff-Bad in Kaiserslautern zum Wohl der Allgemeinheit. Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1926 ging die Geschäftsleitung an Karl Pfaff, den Enkel des Firmengründers, über. Das Unternehmen beschäftigte jetzt 2600 Mitarbeiter und führte eine Pensionskasse ein. Täglich verließen 300 Maschinen das Werk. Die Montage erfolgte am Fließband. Das Angebot an Hochleistungs-Spezial-Nähmaschinen für die Schuh- und Bekleidungsindustrie wurde zügig ausgeweitet. In den ´30er Jahren reiste Karl Pfaff in die USA, nach Indien und nach Mittel- und Südamerika, um neue Absatzmärkte zu erkunden und zu erschließen. Indien und Brasilien waren jetzt die beiden wichtigsten Exportländer. 1932 gelang es eine Haushaltnähmaschine zu schaffen, die bald den Weltmarkt eroberte. 1935 wurde die dreimillionste Pfaff-Nähmaschine hergestellt.

Während des 2. Weltkriegs litt die Produktion. Die Entwicklung von Nähautomaten wurde hingegen fortgesetzt. Ab 1940 befaßte sich Pfaff mit der Entwicklung von Kunststoffschweißmaschinen. Auch die ersten kurvengesteuerten Nähautomaten entstanden in dieser Zeit. Nach der weitgehenden Zerstörung 1944 wurde das Werk in Rekordzeit aufgebaut und die Exporttätigkeit wieder aufgenommen. 1951 kam erstmals eine tragbare Koffer-Haushaltmaschine mit variablem Freiarm auf den Markt. Karl Pfaff verstarb völlig überraschend 1952.



Aus dem Nähkästchen geplaudert

Hugo Lind als Vorstandsvorsitzender und die Vorstandsmitglieder Wilhelm Gelbert, Karl Wilhelm Heimann und Karl Werner Kieffer prägten das Unternehmen im Zeitalter des Wirtschaftswunders. Der erste drucköl-umlaufgeschmierte Industrie-Schnellnäher kam auf den Markt. Im Zuge des Aufschwungs in der deutschen Schuh-, Bekleidungs- Wäsche- und Miederwarenindustrie folgte eine rege Bau- und Akquisitionstätigkeit. Im März 1953 erschien der erste "Pfaffianer" als Mitarbeiterzeitschrift. 1954 verließ die fünfmillionste Nähmaschine das Werk.

Zur Deckung des elektrotechnischen Bedarfs wurden 1956 die ELTE-Werke in Landstuhl erworben. 1957 kam die Aktienmehrheit des namhaften Haushaltnähmaschinen- und Fahrradbauers Gritzner-Kayser AG in Karlsruhe hinzu: eine Weichenstellung für die Zukunft des Haushaltnähmaschinengeschäfts, aus der das Werk Karlsruhe-Durlach der G.M. Pfaff AG hervorging.

Die Einweihung des Pfaff-Fortbildungswerks zur Aus- und Weiterbildung der Pfaff-Mitarbeiter fand 1957 statt. 1960 wurde die G.M. Pfaff AG an der Frankfurter Wertpapierbörse eingeführt. Der Vorstand ermöglichte den Mitarbeitern ein Jahr später den Erwerb von Belegschaftsaktien. Im Jahr 1962 wurde das 100jährige Firmenjubiläum gefeiert.

Berufliche Fortbildungskurse für Industriemaschinenmechaniker wurden von Menschen aus aller Welt besucht. Vielfältige Serviceangebote im Beratungszentrum für die nähende Industrie, wie die Hilfestellung bei individuellen betrieblichen Fertigungsproblemen in der Bekleidungs-, Schuh und Polsterindustrie durch Fachberater und Fertigungspraktiker, festigten die Marktposition.

Damit auch sehr preisgünstige Maschinen angeboten werden konnten, kooperierte Pfaff ab 1964 mit dem japanischen Hersteller Janome. In Forschung und Entwicklung lag das Hauptaugenmerk weiterhin auf der Optimierung der Nähfadenverarbeitung durch die Kombination hochtechnischer Produkte mit klassischer Technik.

Mit dem Erwerb der Mehrheitsbeteiligung an der Eisele-Apparate- und Gerätebau GmbH und der Pfaff Pietzsch Industrieroboter GmbH konnten beim Bau von Anbauelementen neue Maßstäbe gesetzt werden. 1973 kompensierten die Erfolge der neu eingeführten Schnellbüglertypen die rezessionsbedingt schwachen Umsätze im Nähmaschinengeschäft. In Curitaba/Brasilien eröffnete Pfaff 1978 ein Werk für den Bau von Schnellnähern, als Reaktion auf die geänderten Anforderungen des Weltmarkts.

Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre wurden die Haushaltmaschinen "Tipmatic" und "Hobbymatic" im mittleren und unteren Preissegment eingeführt. 1979 entwickelte Pfaff erstmals einen frei programmierbaren Nähautomaten mit Koordinatensteuerung, mit dem beliebige Ziernähte und Riegelformen hergestellt werden konnten. Das neue Spitzenmodell "Pfaff-Creative" 1469 für den Heimbedarf, bei der die gesamte Steuerung und Stichbildung per Microcomputer erfolgt, wurde 1982 vorgestellt.

Entsprechend den Forderungen nach universell einsetzbaren Maschinen und der weitgehenden Entlastung der Bedienperson von vermeidbaren Nebenzeiten wurden neue Industriemaschinen-Baureihen mit elektronischen, teils programmierbaren Steuerungen und Sensoren ausgestattet.

Schließlich konnte 1987 das 125jährige Firmenjubiläum gebührlich gefeiert werden.



Eingefädelt – ausgefädelt

Erwarb 1988 Rechtsanwalt Dr. Schuppli von der PFAFF-Familie 52% des Grundkapitals der G.M. Pfaff AG, so konnte 1993 mit der Übernahme von 72% des Grundkapitals durch Semi-Tech (Global) Co. Ltd. die Neukonzeption einer neuen Konzernstruktur eingeleitet werden. 1996 organisierte Pfaff den Vertrieb mit einem Area-Konzept neu. Nach der Maxime, Akzeptanz braucht Nähe, unterstützen seither regionale Vertriebsorganisationen die Händlerstrukturen bei weitgehender Selbständigkeit.

1997 entstand durch die Übernahme von 80,5% der Aktien durch die Semitech-Tochter Singer der SINGER/PFAFF-Konzern. Es wurde ein Umstrukturierungsprogramm gestartet, welches das Outsourcing lohnintensiver und technisch weniger anspruchsvoller Prozessabschnitte und Produkte nach Podolsk/Rußland und Zhuhai/China beinhaltete. Stark spezialisierte und High-Tech-Industrienähmaschinen sowie essentielle, besonders anspruchsvolle Bauteile wurden weiterhin mit dem Know-how der Mitarbeiter am Standort Deutschland gefertigt und montiert. Der Konzern geriet 1999 in eine bedrohliche Unternehmenslage, die die Trennung von PFAFF und Singer zur Folge hatte.

In der Folge konzentrierte sich PFAFF wieder auf seine Kernkompetenz: die Herstellung und den Vertrieb industrieller Näh- und Schweißmaschinentechnik. 1999 wurde die Haushaltssparte in Karlsruhe an die schwedische Unternehmensgruppe Husqvarna Viking veräußert.



Den Faden wiederaufgenommen

Nach kurzer Beteiligung des italienischen Nähmaschinenherstellers Rimoldi zwischen 2001 und 2002 an PFAFF/Kaiserslautern wurde mit der anschließenden Übernahme durch das Unternehmen Bianchi Marè und einer Neubesetzung des Managements eine neue Ära in der Unternehmensgeschichte eingeläutet.

Am 27. September 2002 übernahm das Unternehmen Bianchi Marè, Mailand/Italien 95 % und die Merchant Bank EFIBANCA, Mailand/Italien, 5 % der Geschäftsanteile der PFAFF Industrie Maschinen AG Kaiserslautern – mit der Konsequenz, dass sich PFAFF nach Jahrzehnten wieder in „Familienbesitz“ befand. Bianchi Marè ist dabei keinesfalls ein Unbekannter im Hause PFAFF. Schon zuvor zählte das norditalienische Unternehmen zum Kreis der größten und erfolgreichsten Vertriebspartnern von PFAFF Industrienähmaschinen. Ein Jahr später folgt man dem weltweiten Asientrend der Textilindustrie und gründet mit einem der renommierten chinesischen Nähmaschinenhersteller - Zoje Sewing Machine Co. Ltd. - das Joint Venture Unternehmen „Shanghai PFAFF-Zoje Machinery Industry LTD.“ mit Firmensitz in Shanghai. Der Joint Venture Partner zählt zu den Top 500 Privatunternehmen in China.

Um das Engagement in China weiter auszubauen gründet PFAFF in Taicang, Nähe Shanghai, ein eigenes Werk und übernimmt alle Anteile des Joint Ventures 'Shanghai PFAFF-Zoje Machinery Industry Ltd.'. Das 100% eigene Unternehmen in Taicang ist für die PFAFF-Gruppe ein Hauptpfeiler in der Produktions- und Marktstrategie und das zukünftige Herzstück der China-Aktivitäten.

Insgesamt belegt  PFAFF in Taicang eine Fläche von über 10.000m², davon 8.000m² Produktion und Montage. PFAFF-Taicang stellt bereits seit Januar 2007 Basisnähmaschinen her, 2008 werden circa 20.000 PFAFF Industrienähmaschinen und die dazu gehörenden Steuerungen und Antriebe im Werk Taicang gefertigt. Die enge Kooperation mit Zoje Sewing Machine Co., Ltd. bleibt weiterhin bestehen.

Das Produktprogramm wird mit den Nähmaschinen aus China optimal ergänzt – die günstigen Produkte sind nicht nur in Niedriglohnländern gefragt, sondern sichern auch die Marktposition in den Industrieländern. Die Hochtechnologie Näh- und Schweißmaschinen werden weiterhin in Deutschland entwickelt und produziert und sind auch in Niedriglohnländern immer mehr gefragte Produkte.

Die intensivierung der Aktivitäten in Asien ist ein zukunftsweisender Schritt, mit dem das Management eine deutliche Verbesserung der Einkaufs-, Produktions- und Verkaufsaktivitäten und somit eine stärkere Position im internationalen Wettbewerb verbindet.

Die Fäden für die Zukunft gespannt.

Spätestens seit Ende 2004 lässt sich der positive Trend und die erfolgreiche unternehmensweite Neuausrichtung an soliden betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ablesen: So konnte erstmals seit der Umstrukturierung des Konzerns ein positives operatives Ergebnis („Ebitda“: Betriebsergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) ausgewiesen werden. Im Jahr 2005 setzte sich dieser Trend fort.

Am 1.12.2005 übertrugen die bisherigen Aktionäre Bianchi Marè, Mailand, und Efibanca, Rom, ihre Aktien vollständig an die deutsche Investmentgesellschaft GCI BridgeCapital AG, München. Der Verkauf seitens Bianchi Marè erfolgt im Zuge einer Fokussierung des industriellen Nähmaschinenvertriebs auf den Heimatmarkt Italien. Durch die Transaktion mit der GCI gelang es, bilanzielle Altlasten zu bereinigen und eine positive Eigenkapitalquote von rund 30% herzustellen.

Mit der erfolgreichen Notierungsaufnahme am 17.01.2007 kehrte die PFAFF Industrie Maschinen AG wieder an den Kapitalmarkt zurück. Der Eröffnungskurs wurde mit 2,42 Euro festgestellt.

Am 12.10.2007, 16.15 Uhr war es soweit - mit dem symbolischen ersten Spatenstich für den Werksneubau im Industriegebiet Kaiserslautern Nord wurde ein weiterer Meilenstein der PFAFF Industrie Maschinen AG gefeiert.

Als schlankes und modern geführtes Industrieunternehmen mit effizienter, marktfixierter Produktion sowie einem kundenorientierten und serviceagilen Vertrieb hat die PFAFF Industrie Maschinen AG deshalb allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken und auch weiterhin „Näh-Geschichte“ zu schreiben.